Dein Hund knurrt! Was jetzt?
Ein Hund knurrt – und viele Menschen denken sofort: «Das darf er nicht!» oder «Das ist aber ein böser Hund!»
Doch Knurren ist zunächst einmal Kommunikation. Es ist ein Signal, mit dem ein Hund ausdrücken kann, dass ihm eine Situation unangenehm ist, er sich bedroht fühlt, etwas nicht möchte oder etwas für ihn besonders wichtig ist und er es nicht verlieren möchte.
Knurren ist deshalb nicht das eigentliche Problem. Im Gegenteil: Ein Hund, der knurrt, gibt uns wertvolle Informationen darüber, wie es ihm gerade geht.
Was möchte ein Hund mit Knurren sagen?
Je nach Situation kann Knurren ganz unterschiedliche Botschaften haben. Zum Beispiel:
«Das ist mir gerade zu nah.»
«Bitte hör auf.»
«Ich fühle mich unwohl oder bedroht.»
«Ich habe Angst.»
«Ich möchte Abstand.»
«Bitte nimm mir das nicht weg. Ich möchte diese Ressource behalten.»
Sogar beim Spielen kann ein Hund knurren, ohne dass er dabei aggressiv ist. Entscheidend ist deshalb immer der gesamte Kontext und die Körpersprache des Hundes.
Knurren aus Angst oder zum Selbstschutz
Ein Hund kann zum einen knurren, weil er sich bedroht fühlt. Vielleicht kommt ihm ein Mensch zu nahe, jemand beugt sich über ihn oder er fühlt sich in einer Situation eingeengt.
Das Knurren kann dann bedeuten:
«Bitte geh weg. Das ist mir zu viel.»
Eigentlich ist das eine völlig nachvollziehbare Reaktion. Wenn wir uns selbst bedroht oder bedrängt fühlen, versuchen auch wir Menschen, Abstand zu schaffen oder unserem Gegenüber deutlich zu signalisieren, dass es aufhören soll. Stell dir vor, eine fremde Person kommt dir auf der Strasse immer näher, obwohl du bereits zurückweichst. Du würdest wahrscheinlich ebenfalls deutlich sagen: «Stopp! Bitte bleiben Sie stehen!»
Genauso kann ein Hund mit Knurren versuchen, sich Raum und Sicherheit zu verschaffen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass jedes Verhalten, das aus Angst entsteht, einfach so bleiben muss. Wenn ein Hund Menschen anknurrt, weil er sich bedroht fühlt, möchten wir vielmehr herausfinden, wovor er Angst hat und warum er sich in dieser Situation unsicher fühlt.
Durch gutes Management und passendes Training können wir ihm helfen, sich sicherer zu fühlen und andere Strategien zu entwickeln.
Knurren bei Ressourcenverteidigung
Eine weitere häufige Situation, in der Hunde knurren, ist die sogenannte Ressourcenverteidigung.
Dabei versucht ein Hund, etwas für ihn Wertvolles zu behalten oder zu schützen. Das können zum Beispiel sein:
Futter oder Kauartikel
Spielzeug
ein bestimmter Liegeplatz
ein bestimmter Ort
eine Person
ein anderer Hund
Stell dir vor, dein Hund liegt entspannt mit einem Kauartikel da. Du gehst auf ihn zu oder möchtest ihm die Ressource wegnehmen. Er beginnt zu knurren.
Das bedeutet nicht automatisch: «Ich will dich angreifen.» Vielmehr kann seine Botschaft ganz schlicht sein:
«Bitte komm nicht näher. Ich möchte meinen Kauartikel behalten.»
Knurren kann dabei helfen, einen Konflikt zu vermeiden. Der Hund kommuniziert, bevor er möglicherweise zu deutlicheren Verhaltensweisen wie Schnappen oder Beissen übergeht.
Ressourcen zu schützen ist grundsätzlich kein ungewöhnliches Verhalten. Auch bei vielen anderen Tierarten ist es natürlich, Ressourcen wie Nahrung oder sichere Plätze zu schützen. Es hat also eine biologische Grundlage. Auch wir Menschen kennen Ressourcenverteidigung: Wenn beispielsweise jemand ungefragt in unsere Tasche greift und etwas Wertvolles herausnehmen möchte, würden die meisten von uns ziemlich deutlich zeigen, dass wir das nicht möchten.
Das Bedürfnis, etwas Wertvolles behalten zu wollen, macht einen Hund also nicht automatisch «böse», «dominant» oder «respektlos».
Manchmal können Angst und Ressourcenverteidigung auch zusammenkommen.
Stell dir vor, ein Hund findet draussen etwas am Boden und jedes Mal, wenn er etwas aufnimmt, stürmt sein Mensch auf ihn zu, greift nach ihm und öffnet ihm das Maul, um den Gegenstand herauszunehmen. Der Hund kann dadurch lernen: «Wenn ich etwas finde, wird es mir weggenommen.» Gleichzeitig kann die Situation für ihn bedrohlich sein. Wir Menschen sind meist deutlich grösser und stärker als unsere Hunde. Wenn wir schnell auf sie zustürmen und direkt an ihren Körper oder ihr Maul greifen, kann das Angst auslösen. Gerade die Kombination aus Ressourcenverteidigung und Angst kann Situationen schnell gefährlich machen.
Auch wenn Ressourcenverteidigung grundsätzlich normal ist, müssen wir sie im Alltag nicht einfach hinnehmen. Ein Hund sollte lernen können, eine Ressource freiwillig und möglichst konfliktfrei abzugeben. Dabei geht es nicht darum, das aggressive Verhalten einfach zu unterdrücken. Vielmehr wollen wir die Situation so verändern, dass der Hund andere Erfahrungen macht und lernt, dass die Nähe eines Menschen oder das Abgeben einer Ressource nicht automatisch bedeutet, etwas zu verlieren.
Zum Beispiel:
«Wenn mein Mensch in meine Nähe kommt, während ich einen Kauknochen habe, bringt er mir meist ein Stückchen Käse vorbei und meistens kann ich meinen Kauartikel sogar behalten :)»
Oder:
«Wenn ich etwas abgebe, bekomme ich dafür etwas anderes Tolles.»
Dafür braucht es passendes Management und kleinschrittiges, freundliches Training. Brauchst du dabei Unterstützung, begleiten wir dich gerne im Rahmen eines Privatcoachings.
Ein Beispiel eines Trainings an Ressourcenverteidigung
Ein tolles Video zum Thema Ressourcenverteidigung von Petra Frey.
Hunde kommunizieren nicht erst beim Knurren
Knurren kommt häufig nicht plötzlich. Hunde kommunizieren bereits sehr früh, wenn ihnen eine Situation unangenehm ist. Oft beginnen sie mit sehr feinen Signalen, die für uns Menschen leicht zu übersehen sind.
Zum Beispiel:
den Kopf wegdrehen
den Blick abwenden
den Körper wegdrehen
über die Nase lecken
gähnen
Abstand suchen
sich zurückziehen
den Körper anspannen
plötzlich ganz still werden
sich über eine Ressource beugen
jemanden oder etwas auffällig fixieren
Wenn diese Signale nicht erkannt werden oder die unangenehme Situation trotzdem weitergeht, kann der Hund deutlicher werden.
Die Eskalationsleiter
Die folgende Eskalationsleiter zeigt vereinfacht, wie sich die Kommunikation eines Hundes entwickeln kann:
Wichtig ist dabei: Die Eskalationsleiter ist ein Modell und nicht jeder Hund zeigt alle diese Signale und nicht immer in genau dieser Reihenfolge. Je nach Hund, Situation und Lernerfahrungen können einzelne Signale übersprungen werden.
Die Eskalationsleiter macht aber etwas Wichtiges sichtbar:
Bevor ein Hund knurrt, hat er häufig bereits versucht, auf andere Weise zu kommunizieren.
Wenn wir diese früheren Signale erkennen, können wir früher reagieren und die Situation verändern, bevor der Hund überhaupt knurren muss.
Warum sollte man Knurren nicht bestrafen?
Wenn ein Hund knurrt, kann das im ersten Moment durchaus beängstigend oder verunsichernd sein. Vielleicht erschrickst du, fühlst dich respektlos behandelt oder hast sogar Angst, dass dein Hund einmal jemanden verletzen könnte.
Trotzdem ist es sehr wichtig, das Knurren nicht zu bestrafen.
Wenn ein Hund beispielsweise für das Knurren geschimpft, bedroht oder körperlich bestraft wird, kann er lernen:
«Wenn ich knurre, passiert etwas Unangenehmes.»
Das eigentliche Problem ist dadurch aber nicht verschwunden. Der Hund kann weiterhin Angst haben, sich bedrängt fühlen oder seine Ressource schützen wollen. Er lernt lediglich, dass er sein Unwohlsein nicht durch Knurren zeigen soll. Beim nächsten Mal greift er eventuell schneller auf Schnappen oder Beissen zurück, ohne vorher zu kommunizieren, dass er sich nicht wohl fühlt. Er hat also gelernt: «Knurren bringt mir nichts – ich muss also deutlicher werden.»
So kann schnell eine Gewaltspirale entstehen, in der sich die Situation für beide Seiten weiter verschärft: Der Hund fühlt sich bedroht und zeigt deutlicheres Abwehrverhalten, der Mensch reagiert darauf wiederum mit noch mehr Druck oder Strafe.
Knurren zu ignorieren ist ebenfalls keine gute Lösung
Manchmal wird empfohlen, das Knurren einfach zu ignorieren und trotzdem mit dem fortzufahren, was man gerade tun wollte. Auch das ist nicht sinnvoll. Wenn ein Hund beispielsweise knurrt, wir uns ihm aber trotzdem weiter nähern, übergehen wir seine deutliche Kommunikation. Der Hund kann lernen, dass seine Signale keinen Einfluss auf die Situation haben.
Auch das kann dazu führen, dass er beim nächsten Mal schneller eskaliert – unter Umständen also früher schnappt oder beisst. Wir können von einem Hund schlicht nicht erwarten, dass er seine Warnung immer wieder geduldig wiederholt, wenn sie bisher nichts bewirkt hat.
Knurren sollte deshalb weder bestraft noch einfach übergangen werden. Es sollte als Information verstanden werden und uns dazu anregen, die Situation genauer zu analysieren und mit einem passenden Training an den Ursachen zu arbeiten.
Knurren ist eine Information
Ein Hund, der knurrt, ist kein böser Hund. Er ist ein Hund, der in diesem Moment mit einer Situation nicht zurechtkommt und versucht, uns etwas mitzuteilen. Wenn wir diese Information ernst nehmen, können wir genauer hinschauen:
Was macht meinem Hund gerade Sorgen? Was möchte er vermeiden? Was ist ihm wichtig? Und wie können wir die Situation so verändern und trainieren, dass er sich sicherer fühlt und andere Verhaltensmöglichkeiten bekommt?
Denn langfristig geht es nicht darum, einen Hund einfach „knurrfrei“ zu machen. Vielmehr möchten wir ihm helfen, Situationen, die ihn früher belastet haben, nicht mehr als bedrohlich oder unangenehm zu erleben.