Wie Hunde lernen, sich miteinander wohlzufühlen
Manchmal entwickeln Hunde nicht sofort eine entspannte Beziehung zueinander. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass sie sich „nicht mögen“ oder dass einer der Hunde „schwierig“ ist.
Häufig geht es vielmehr um Erfahrungen, Emotionen, Ressourcen, Erregung und darum, wie sicher sich die Hunde in bestimmten Situationen fühlen.
Bei Balou und Zazu konnten wir genau das beobachten.
Als Zazu als Welpe bei Florine einzog, war Balou zunächst recht entspannt. Doch als Zazu älter und lebhafter wurde, veränderte sich die Dynamik zwischen den beiden. Besonders in Situationen mit Ressourcen wurde Balou zunehmend angespannter. Zazu wiederum konnte Balous Signale noch nicht immer gut einordnen oder angemessen darauf reagieren.
Dadurch entstanden Situationen, in denen beide Hunde emotional schnell hochfuhren und Konflikte entstanden.
Sozialverhalten entsteht durch Erfahrungen
Sozialverhalten ist nicht einfach festgelegt. Hunde lernen durch Erfahrungen, welche Situationen sich sicher anfühlen, welche Begegnungen angenehm sind und wann Abstand sinnvoll ist.
Deshalb war unser Ziel nicht, Konfliktsignale zu unterdrücken oder die Hunde „einfach machen zu lassen“. Stattdessen wollten wir beiden Hunden helfen, mehr Sicherheit, Abstand und positive Erfahrungen miteinander aufzubauen.
Mehr dazu erklären wir auch im Artikel Sozialverhalten beeinflussen.
Management statt Eskalation
Zu Beginn haben wir die Umgebung so gestaltet, dass Konflikte weniger wahrscheinlich wurden. Ressourcen, die Spannung auslösen konnten, haben wir weggeräumt. Ausserdem haben wir die Hunde in bestimmten Situationen angeleint, damit wir Begegnungen ruhiger begleiten konnten.
Das war kein „Kontrollieren um des Kontrollierens willen“, sondern Management: Wir wollten verhindern, dass beide Hunde immer wieder in dieselben schwierigen Situationen geraten.
Denn je häufiger Konflikte eskalieren, desto eher können sich Anspannung und Erwartungshaltungen festigen.
Kommunikation nicht unterdrücken
Wichtig war uns auch: Drohsignale wie Knurren wurden nicht bestraft oder unterbunden.
Knurren ist Kommunikation. Ein Hund sagt damit nicht „ich bin böse“, sondern zeigt, dass ihm etwas zu viel wird oder dass er Abstand braucht.
Wenn solche Signale bestraft werden, verschwindet nicht automatisch das zugrunde liegende Gefühl. Im schlimmsten Fall lernt der Hund nur, früher sichtbare Warnsignale weniger zu zeigen.
Wir haben deshalb nicht gegen die Kommunikation gearbeitet, sondern den Hunden geholfen, wieder aus der Situation herauszukommen.
Mit Markertraining gute Erfahrungen schaffen
Wir haben mit Markersignal gearbeitet und anfangs schon ruhige Annäherungen markiert. Später haben wir auch kurze Kontakte, freiwilliges Abwenden und das Auseinandergehen der Hunde bestätigt.
So konnten beide Hunde lernen:
Nähe zum anderen Hund kündigt nicht automatisch Stress an
Abstand nehmen lohnt sich
ruhige Kommunikation wird unterstützt
der Mensch hilft, wenn es schwierig wird
Konflikte müssen nicht eskalieren
Unser Fokus lag dabei nicht nur auf dem sichtbaren Verhalten, sondern vor allem auf den Emotionen dahinter.
Warum Abstand oft ein Fortschritt ist
Gerade bei sozialen Konflikten denken viele Menschen, Fortschritt bedeute, dass Hunde möglichst schnell nah beieinander sein oder miteinander spielen können.
Aus unserer Sicht ist das zu kurz gedacht.
Manchmal ist es ein grosser Fortschritt, wenn ein Hund sich abwenden kann. Wenn er Abstand nehmen kann. Wenn er nicht mehr in die Situation hineingehen muss. Wenn er merkt: Ich habe Handlungsspielraum.
Auch bei Hundekontakt an der Leine spielt dieser Handlungsspielraum eine wichtige Rolle.
Wie sich die Beziehung verändert hat
Mit der Zeit wurde die Stimmung zwischen Balou und Zazu deutlich entspannter. Begegnungen wurden ruhiger, Konflikte seltener und beide Hunde konnten wieder besser miteinander umgehen.
Heute sucht Balou teilweise sogar freundlichen Kontakt zu Zazu. Die beiden können gemeinsame Situationen viel entspannter bewältigen, und auch das gemeinsame Arbeiten ist für uns Menschen wieder deutlich angenehmer geworden.
Das heisst nicht, dass Hunde immer beste Freunde werden müssen. Aber sie können lernen, sich sicherer miteinander zu fühlen, einander besser einzuschätzen und Konflikte friedlicher zu lösen.
Fazit
Hunde lernen nicht nur Signale und Übungen. Sie lernen auch, wie sich andere Hunde, Situationen und Beziehungen anfühlen.
Wenn wir Sozialverhalten beeinflussen möchten, reicht es deshalb nicht, nur auf das sichtbare Verhalten zu schauen. Entscheidend sind auch Emotionen, Sicherheit, Stress, Ressourcen und die Erfahrungen, die Hunde miteinander machen.
Mit gutem Management, fairer Begleitung und positiven Lernerfahrungen können sich soziale Dynamiken verändern.
Praxisbeispiel aus unserem Training
In diesem Video siehst du ein Beispiel dafür, wie wir Hundebegegnungen kleinschrittig und fair begleiten.